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Helden geben niemals auf


Eine wahre Heldengeschichte

Lrf       Lokrangierführer
Fdl      Fahrdienstleiter
Sh 0    Signal "Halt! Fahrverbot"
Sh 1    Signal "Fahrverbot aufgehoben"
Bü      Bahnübergang
Nf       Stellwerk "Neuwied Fahrdienstleiter"
Nr       Stellwerk "Neuwied rangieren"
Lz       wenn die Lok alleine fährt...


Freitag, 13. Juni 2003, Neuwied. Ja, Freitag, der dreizehnte! Es soll ein Unglückstag für unsere V 60 werden...

13:30. Lrf W., der heute die Spätschicht auf "Lok 3" fährt, trifft ein. Er weiß, was heute für ein denkwürdiger Tag ist, und doch, er wirkt gelassen. Hallo hier und da, dann Tarnkleidung anziehen. Und schwere Schuhe - und das bei 32 Grad... naja. Wat ham'wa denn heut' so? Ahja, SAR, ein Wagen abziehen. Anschließend Rasselstein acht Wagen. Der Rangierbegleiter N. ist auch schon in den Stiefeln. "Lok 2", 290 047 fährt erst mal die Übergabe nach Bad Hönningen, die Besatzung, Lrf P. und Rangierer A. macht sich derweil fertig. Während N. noch ein paar Dinge mit dem Meister V. bespricht, schreitet W. an der Tankstelle vorbei auf 365 211 zu, um ihr schon mal Leben einzuhauchen.

Lok 3... geht es W. durch den Kopf... Das waren noch Zeiten, als in Neuwied in drei Schichten auf drei Maschinen rangiert wurde! Früher waren's drei V 60, die über vierzig Anschlüsse bedienten. Anfang der Achziger wurde Lok 1 und 2 ersetzt durch zwei V 100, die u.a. die schweren Tonzüge abdrückten, die nun durchs Brexbachtal aus dem Westerwald kamen - jeden Tag drei Züge mit je 40 Wagen. Und Lok 3, die Köf 3, die die kleinen Anschlüsse bediente, wie z.B. das Schraubenwerk Boesner. Es war W., der damals, anfang der 90er die Köf fuhr, als beim Schlepp deren Rangierkupplung abriss - und sie damit den Platz erneut freimachte für eine V 60. Gleichzeitig wurde das Tonzuggeschäft von Neuwied weg verlagert. Lok 1 fiel im Dienstplan weg, Lok 2 wurde durch eine V 90 ersetzt. Diese Baureihe war ein Novum für Neuwied. Obwohl es Lok 1 schon lange nicht mehr gibt, zählt man immer noch in den Dienstplänen Lok 2 und 3. Von den über vierzig Anschließern einst sind etwas mehr als eine Hand voll geblieben...

Am Fremdstromanschluss angekommen ist er wieder bei der Sache. Das Kabel zusammengewickelt, Sifa ein, Motor ein, Luft gepumpt, bei 2 bar Druck mit der Zusatzbremse angebremst und Handbremse los. "Nf, hallo hier ist der W. Aus 17 SAR." Mit diesem knappen Kommando gibt er seinem Fdl zu verstehen was er vorhat. Fast wie fernbedient öffnet sich die Gleissperre und das Lichtsignal zeigt Sh 1. Doch langsam, N. will ja auch noch aufsteigen.

Dann aber geht die Fahrt dahin mit satten 23 km/h, bis nach 200 m der erste Bahnübergang kommt: die stark frequentierte Engerser Landstraße. Was hat man hier schon erlebt an haarsträubenden Situationen. Nein, wir nehmen nicht nur die Fahne, wir drehen die Schranken runter - dauert zwar vier Minuten länger, aber wenn mit der Fahne allein mal was passiert... Dann folgen vier unbeschrankte Bü, über die man trotz der ruhigen Lage nicht minder gefährliche Erlebnisse berichten könnte. Nun noch langsam - holterdipolter - über die Dyckerhoff-Weichen und schon steht das Team vor der Halle des Stahlverarbeiters SAR.

In der Halle Schrittgeschwindigkeit! Stapler, Kräne, Arbeiter, Lkws, alles läuft, fährt, steht hier quer - wirklich nichts für Lokrennfahrer. Doch halt: wer hier keinen Helm anzieht, kriegt echt was auf die Mütze, wie man schon erfahren musste - deshalb hängt am Eingang auch einer, und N. tauscht ihn gegen seine Schirmmütze. Das Schließen der Wagenseitenwände erledigt das Lokpersonal, so geht's schneller - und ab nach Hause mit den 50 Tönnchen. "Hallo, Nf, aus 101 nach 36". Also über den Bahnhof zurückstoßen ins Richtungsgleis.

Dann Lz zum Rasselstein - "36 in de RAS" heißt das passende Kommando, in Neuwied wird platt und manchmal auch kasachisch gesprochen (aber nicht am Funk). Über den hohen Bahndamm vorbei am Freibad, wo heute hunderte planschen, manche schauen hoch zur Lok, vielleicht ein bisschen bewundernd, aber nichtsahnend, wie sehr sie vom schwitzenden Lokpersonal in ihrer fahrenden Zwangssauna beneidet werden.

Im Rasselstein liegen alle Weichen richtig für Gleis 2 und ruckzuck an den Zug. Derweil kommt die immer funkferngesteuerte Rasselsteiner Henschel aus dem Versand und bringt noch vier weitere Wagen, zwei mit Fertigblech und zwei mit Schrott. Damit dürften so ca. 900 Tonnen an der automatischen Rangierkupplung hängen. Grund genug für W. den "Ackergang" einzulegen. Beim Anfahren trampelt sie widerwillig mit den Hufen, auch nach 45 Dienstjahren hat sie noch Kraft im Überfluss, und das zeigt sie trotzig mit schleudernden Rädern - trotz staubtrockener Schiene.

Doch der Rangiergang ist eine gute Wahl, das zeigt sich spätestens nach dem Passieren des Freibades, da kommt ein gewaltiger Anstieg und gleichzeitig eine Kurve, die die Spurkränze doch arg anlaufen lässt und Bewegungsenergie in Wärme umwandelt. Und schon sind aus stolzen 22 km/h ganze 16 geworden, trotz voller Füllung im kleinen Gang. Jetzt bloß nicht vor dem Schutzsignal zum Stehen kommen: "Nf, aus'm RAS Freigleis Hügel" bedeutet: durch den Bahnhof und weiter über irgendein freies Richtungsgleis zum Ablaufberg, aber zack-zack!

Der Lichtsignal-Zwerg zeigt unerbittlich Sh 0, die Gleissperre liegt sogar noch auf, die Hand ballt sich schwitzend um das Knorr-Bremsventil (nicht nur wegen der Temperatur), die Finger der linken Hand an diesem unsäglichen Joystick, bereit die Leistung abzuschalten. Bitte mach das Ding auf! Und dann kreischt Nf durch den Lautsprecher "Lok 3, durch 4, 33, Hügel" - puh, die Gleissperre schwenkt ab, Sh 1 und Hände weg von allem, was bremsen könnte.

Mit 16 km/h und 24 Kurbelwellenumdrehungen pro Sekunde in Gleis 4 rein und dann geht es ohne Hindernisse zum "Hügel". Funke umschalten auf Kanal 30, denn im "Loch", den Richtungsgleisen, endet der Funkzuständigkeitsbereich Kanal 11 des Fdl und der Weichenwärter "Nr" übernimmt. "Nr, hallo, wir kommen 34 hoch zur Waage".

Übern Berg, Das Knorr-Führerbremsventil kurz durchratschen und schon steht die Eisenbahn. Ein paar Wagen vor der Waage aussetzen und zurück, wieder übern Berg, vier Gleise anfahren und die Einheit erleichtern. Ackergang raus und Sportgang rein. Ist leichter zu fahren. Zurück zur Waage und da ist doch ein Wagen zu leicht! 31 Tonnen, das will die Firma Rasselstein aber nicht. Also auch den Wagen noch aussetzen.

Unverhofft kommt noch ein Auftrag, aus den "Siebzigern" zwei Rungenwagen zu holen, um sie an der Laderampe (Gleis 86) dem Bautrupp, der in Neuwied-Block die Lärmschutzwände baut, bereit zu stellen. In den langen Abstellgleisen 70 bis 74 muss man das eigene Temperament wieder etwas drosseln, die Gleise liegen nicht gerade ICE-gerecht. Auf dem Berg schnell mal um die Wagen drumrum, dann nach 86 geschoben, langsam. In 86 steht auch noch so ein Sahms, der zwei Heißläuferanlagen unangenehm aufgefallen war... Jetzt aber nach Gleis 64 und Pause!

Rangierer N. gibt auf und fährt nach Hause, er schwitzt und sieht nicht gut aus - er hat offensichtlich seit gestern abend Grippe, und damit ist nun wirklich nicht zu spaßen.

60 Minuten später, 17:10, ist der Blechzug für Rasselstein schon da ("Rohband"), sehr früh heute! V 90 nimmt sich noch ein paar andere Dinge vor - oder ist es, um der Kleinen heute noch einen heldenhaften Abgang zu ermöglichen? Normalerweise sollten 2300 Tonnen nicht von V 60 geschleppt werden, aber wenn sie schon mal da stehen - viel Feind, viel Ehr'!

Also 'ran an den Zug, die Luftkessel der Wagen vollgepumpt, wieder Rangiergang und vorsichtig die Leistung aufgeschaltet. Zufrieden lässt 365 211 den Turbo heulen, die 2300 Tonnen machen sie zwar langsam, doch lässt sie sich auch nach 40 Jahren nicht dazu herab ihrem Personal eine Schwäche einzugestehen. Ob sie sich vielleicht so erst richtig wohl fühlt? An dieser Stelle muss selbst Lrf W. seinem Meister V., der N. ersetzt hat, eingestehen, dass er sie liebt, die gute alte V 60 - dagegen ist so eine V 90 der reinste Dreck! Die zieht doch nix und ist au'noch störanfällig wie Sau... Sicher teilen nicht alle Kollegen seine Meinung, und dennoch: es ist etwas dran, an dem, was er da gesagt hat. 2300 Tonnen! Und sie tänzelt noch nicht mal.

Vor dem Rasselstein: ein Verbremser und wieder steht die Eisenbahn - eine Sekunde zu lange auf 4 bar geblieben und die Bremsklötze der Sechsachser beißen sich in den Radreifen fest. Warten, Luftbehälter 3 Minuten auffüllen, erneut anfahren, ohne Klage, ohne Überhitzung, sie will es, sie braucht es! 500 Meter weiter, mit der Zusatzbremse den Zug stauchen (denn der Mann vom Rasselstein muss alle Kupplungen aufdrehen und das geht nicht, wenn der Zug auf Spannung steht), fertigbremsen und nach Hause - in Gleis 13 Pause.

18:40: Es wird Zeit, die Übergabe nach Koblenz bereit zu stellen. Ab auf den Bock, fünfmal hin und nochmal her und dann mit dem neungliedrigen Züglein nach Gleis 5.

19:00. Der Motor rumpelt aus, unerbittlich naht das Ende. Jetzt wird es auch W. mulmig, er muss aufgestützt auf das Führerpult, seine Augen auf die Anzeigen oder wohl doch mehr ins Leere gerichtet, eine leise Bemerkung machen, wie "Tja, das war's" und weiß gar nichts weiter zu sagen, nur sein Blick ist ungewöhnlich starr.

Doch weiter, schließlich ist der Feierabend auch ein wichtiges Ereignis, dass es nicht zu verpassen gilt. Bereitmachen zur Schleppfahrt, die Störungsliste ist Gold wert. Wie immer, der Kampf um die richtige Stellung des "Schlepphahns 72". Doch bei "Wendeschaltung von Hand in Mitte legen" zeigt die Funklok es W. nochmal so richtig: sie wehrt sich - sie hat doch erst sieben ihrer 30-Tage-Frist hinter sich! Ahnt sie, was hier gespielt wird? Will sie sich nicht von hier wegbringen lassen? Nicht in eine ungewisse Zukunft (ver)schleppen lassen? Helden geben eben nicht auf...

Das Öffnen der Bodenklappe genießt das Getriebe spürbar - es lässt kühle Außenluft (32 Grad...) an sich vorbeiströmen, gibt reichlich von seiner Wärme an sie ab und entlässt sie nach oben in den Führerraum. W., den Bodendeckel aufgeklappt über dem Getriebe hängend, nach Kräften bemüht, diesen widerspenstigen Hebel zu verstellen, kann im Gegensatz zum Voith-Getriebe, dessen Temperaturanzeige immerhin noch 85 Grad anzeigt, gar nichts Erfrischendes an einer nun fast 40-Grad warmen Luftströmung finden und muss zweimal Pause machen. Dann ist es geschafft. Bodendeckel 'drauf, nochmal Kontrolle, aber nein, es lässt sich nun nicht mehr hinauszögern, 365 211 ist bereit für die allerletzte Fahrt aus Neuwied...

Die Handrad-290 braucht mit ihren eigenen Aufgaben noch ein paar Minuten, Galgenfrist für 365, sozusagen.

20:10: P. kuppelt seine V 90 selbst an den Zug. "So, aus 5 die Übergabe nach Koblenz" - "5 nach Koblenz, unn' ab!" ungewöhnlich schnell entlässt ihn der Fdl aus dem Gleis, er muss immerhin alle Streckengleise kreuzen,- "Tschö!" kommentiert P.

Um 20:24 scheppert P. über die Engerser Rheinbrücke, 365 211 im Schlepp, der letzten V 60, die in Neuwied zum Einsatz kam. Der letzten ihrer Art im gesamten Neuwieder Becken. Adieu, heldenhafte V 60, leb' wohl!



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